Die Bedeutung des Wortes Essay hat sich in der literarischen Tradition gebrochen und ist mittlerweile so vielfältig wie die Disziplinen menschlichen Denkens überhaupt: während man in der Literatur unter Essay einen zwar mehr oder minder betrachtend sachbezogenen, weder eigentlich epischen noch lyrischen noch dramatischen, aber doch eindeutig literarischen Text versteht, verwenden die Fachphilosophen Essay oft synonym zu paper, jenem verräterisch bescheidenen Ausdruck für kurze Abhandlung
oder Referatsvorlage
, und im geisteswissenschaftlichen Bereich allgemein heißt oft jeder studentische Aufsatz zu Prüfungszwecken — na? just wiederum Essay.
Mit dieser Diversifikation geht ganz verloren, woher der Gattungsname eigentlich stammt: er war ein Titel, Titel eines ganz spezifischen, bis heute einzigartigen Buches: der Essais des Michel de Montaigne. Für ihn waren Essays schlicht Versuche, aber in einem ganz persönlichen und durchaus anspruchsvollen Sinn: Montaigne schreibt zu philosophischen Themen, aber als Skeptiker lehnt er die systematische Form grundsätzlich als irreführend ab; statt die ohnehin unbestimmbare äußere Wahrheit der Dinge zu beschreiben bzw. zu fingieren, berichtet er mit Wahrhaftigkeit von ihrem Widerhall in ihm. Und so muss er zur freien, subjektiven Form des essai greifen, in welchem er Gedanken wie Erfahrungen sich aneignend erprobt.
Irgendwo dazwischen, meine ich, sollten wir uns wieder der Tradition des Essay besinnen. So schreibe ich (um mit meinen bescheidenen Beispielen zu beginnen) zu philosophischen Themen in vielleicht unzeitgemäßer Form: ich halte nichts von der strikten Trennung zwischen Philosophiegeschichte und eigenem Denken, also entwickle ich in Auseinandersetzung mit den historischen Fakten meine eigene Sicht; ich halte nichts von der strikten Trennung zwischen Form und Inhalt, will mich (und Dich, lieber Leser!) nicht langweilen mit meinen Untersuchungen, also schreibe ich in der Tradition des literarischen Essay und doch mit inhaltlichem Anspruch.
Mehr als anbieten zur Lektüre kann ich’s nicht; also viel Vergnügen und wenig Ärger! Über jede Rückmeldung und Diskussion freut sich
Roman Eisele
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